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20 Jahre liberalisierter Energiemarkt: Ein Erfolg?

Heidelberg. Vor 20 Jahren, genauer gesagt am 24. April 1998, trat in Deutschland ein neues Energiewirtschaftsrecht in Kraft. Zentraler Baustein darin war die Abschaffung der Energieversorger-Monopole mit dem Ziel, die Preise zu senken. Seither kann jeder Verbraucher seinen Energielieferanten frei whlen. Das unabhngige Verbraucherportal Verivox hat die Energiemarktliberalisierung von Anfang an begleitet. In ihrer Jubilumsbilanz erklren die Tarifexperten, warum die Verbraucher finanziell allerdings kaum profitiert haben.

Zunchst wenig Vernderung

Mit dem Inkrafttreten des neuen Energiewirtschaftsrechts 1998 war zwar die gesetzliche Grundlage vorhanden, im Bereich Strom gab es die ersten Wechsel aber erst Mitte des Jahres 1999. Der Anbieterwechsel im Gasbereich war sogar erst ab 2007 mglich. Heute ist der Wettbewerb gro und zwischen den Energieversorgern der Kampf um Neukunden entbrannt. Fr die Verbraucher wurde es dennoch nicht gnstiger - der durchschnittliche Strompreis ist in den letzten 20 Jahren um mehr als 60 Prozent gestiegen. Ist die Liberalisierung also gescheitert?

Strompreise fallen kurz und steigen dann massiv

1999 geschah, was sich die Befrworter der Marktffnung erhofft hatten: Die Strompreise sanken, der Preisverfall hielt rund zwei Jahre lang. Die Abkehr vom Monopol hatte zunchst tatschlich unmittelbar positive Auswirkungen auf den Verbrauchspreis, erinnert sich Mathias Kster-Niechziol, Energieexperte bei Verivox und seit nahezu 20 Jahren dabei. Doch der Zugang fr neue Anbieter gestaltete sich anfnglich schwierig und die Freude ber sinkende Preise hielt nur kurz.

Seither steigen die Strompreise in Deutschland kontinuierlich. Laut dem Bundesverband der Energie und Wasserwirtschaft (BDEW) lag der durchschnittliche Strompreis fr einen Privathaushalt im Jahr 1998 bei 17,11 Cent pro Kilowattstunde (kWh). Der Verivox-Verbraucherpreisindex Strom steht aktuell bei 27,85 Cent/kWh. Das entspricht einem nominalen Anstieg von ber 60 Prozent.

Hauptgrund fr diesen starken Anstieg ist die Entwicklung von Steuern, Abgaben und Umlagen, die private Verbraucher zuzglich zum eigentlichen Kilowattstundenpreis zahlen mssen. Sie haben sich in den vergangenen 20 Jahren fast verdreifacht und machen aktuell rund 56 Prozent des Endpreises aus. Zudem entfallen rund 25 Prozent auf Gebhren fr die Stromnetze. Die restlichen 19 Prozent gehen auf das Konto der Stromversorger, die davon Beschaffung, Vertrieb und Marge finanzieren.

Zahl der Stromanbieter versechsfacht, Sparpotenzial verdoppelt

Dennoch ist die Auswahl fr private Stromverbraucher deutlich grer geworden. 2007 konnten Verbraucher nur aus durchschnittlich 31 verschiedenen Anbietern whlen. Zu Beginn des Jahres 2018 standen pro Postleitzahlengebiet durchschnittlich 176 Anbieter zur Auswahl. Damit hat sich das Angebot fast versechsfacht.

Auch die Sparmglichkeiten fr Verbraucher sind deutlich gewachsen: Betrug das Preisgeflle zwischen der rtlichen Grundversorgung und dem gnstigsten Tarif im Jahr 2007 durchschnittlich rund 200 Euro, zeigt die Verivox-Auswertung fr 2018 einen Preisunterschied von rund 390 Euro.

Nur wenige Haushalte wechseln den Stromanbieter

Dennoch nutzen auch 20 Jahre nach ffnung der Strommrkte nur 30 Prozent der Verbraucher ihr Recht, den Energieanbieter zu wechseln. Aktuellen Zahlen der Bundesnetzagentur zufolge bekommen zwei Drittel der Kunden ihren Strom immer noch vom rtlichen Versorger.

Offenbar denken noch immer viele Verbraucher, der Wechsel des Stromanbieters sei aufwndig und risikoreich, erklrt Mathias Kster-Niechziol die geringe Wechselrate. Dabei ist das ein Irrtum, denn der Anbieterwechsel kann komplett online durchgefhrt werden und dauert nur wenige Minuten. Auch die Angst vor einer Unterbrechung der Versorgung durch den Wechsel ist vollkommen unbegrndet, da die durchgngige Energieversorgung gesetzlich abgesichert ist.

Gasmarkt: Wechsel erst knapp 10 Jahre spter mglich

Auf dem Gasmarkt stellt sich die Lage deutlich anders dar, ein Anbieterwechsel wurde erst ab 2007 mglich. Seither ist der Gaspreis nahezu unverndert:
Im Jahr 2007 lag der durchschnittliche Gaspreis fr einen Haushalt mit Einfamilienhaus laut Verivox-Verbraucherpreisindex Gas bei 6,52 Cent/kWh. Aktuell betrgt dieser Durchschnittspreis 5,64 Cent/kWh ist also nur um knapp einen Cent oder 15 Prozent gesunken. Grund hierfr ist die unvernderte Steuerlast. Aktuell liegt der Anteil von Steuern und Abgaben im Bereich Gas bei 26 Prozent. Rund 27 Prozent entfallen auf Gebhren fr die Gasnetze, der Versorgeranteil liegt bei rund 47 Prozent.

Anzahl der Gasanbieter explodiert

Die Auswahl verfgbarer Gasanbieter ist seit der Marktffnung schnell angestiegen. Zu Beginn des Jahres 2008 waren es im bundesdeutschen Durchschnitt gerade einmal drei Anbieter. Zu Beginn des Jahres 2018 aber konnten die Verbraucher pro Postleitzahlengebiet durchschnittlich aus 123 Anbietern whlen.

Auch die Sparmglichkeiten haben sich im Bereich Gas schneller und strker entwickelt als beim Strom. Das Preisgeflle zwischen der rtlichen Grundversorgung und dem gnstigsten Tarif lag im Jahr 2007 bei durchschnittlich 100 Euro. Die Verivox-Auswertung aktueller Gaspreise fr 2018 zeigt indes einen Preisunterschied von fast 600 Euro.

Auerdem nutzen mehr Kunden den Wettbewerb: Laut Bundesnetzagentur haben aktuell ein Viertel der Gaskunden ihren Anbieter gewechselt. Drei Viertel der Verbraucher sind ihrem rtlichen Versorger jedoch weiterhin treu.

War die Liberalisierung nun also ein Erfolg?

Private Verbraucher von Strom und Gas sind heute nicht mehr dem Preisdiktat eines einzelnen Versorgers ausgeliefert und knnen durch den Anbieterwechsel mehrere hundert Euro pro Jahr sparen, beobachtet Mathias Kster-Niechziol. Allein Verivox ersparte seinen Strom- und Gaswechslern etwas mehr als 2 Milliarden Euro in den letzten 20 Jahren.

Gleichzeitig stehen die Anbieter im Wettbewerb und mssen bei ihrer Preisgestaltung auch gnstige Angebote ihrer Mitbewerber bercksichtigen. In dieser Hinsicht war die Marktffnung sicher ein Erfolg. Wrden im Bereich Strom die Steuern, Abgaben und Umlagen die marktfrmige Preisbildung nicht berlagern, knnte man auf Grund der Wettbewerbsvielfalt und der hohen Einsparpotentiale, die Verbraucher erzielen knnen, von einem Erfolg der Liberalisierung sprechen.

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